Jänner

Der Jänner-Blog von Christoph Thoma:

Vernetzung als Mehrwert: Kulturförderung mit Chancen


Alle reden über die Krise. Ängste werden geschürt, Schließungsszenarien kolportiert; noch nicht in Österreich, aber im benachbarten Deutschland wird bereits von höchster, politischer Stelle, wie dem Oberbürgermeister der ehemaligen Bundeshauptstadt Bonn über die Schließung der Oper Bonn nachgedacht. In Wuppertal, der künstlerischen Heimat der großartigen Pina Bausch, soll das Schauspielhaus geschlossen werden.

Angesichts der Finanzlage des Bundes, der Bundesländer und der Gemeinden in Österreich, gilt es über aktuelle Entwicklungen nachzudenken und mögliche Szenarien anzustoßen, die über Angebote von Kultur- und insbesondere Konzertveranstaltern reflektieren. Im Wissen, dass Sparmaßnahmen auch in Österreich kommen werden.

Szenario 1: Wollen wir so weiter machen, wie bisher?

Kulturveranstalter agieren oftmals in historisch gewachsenen Strukturen: „Es  war immer so, es soll auch so bleiben.“ Aber ist das zielführend? Laufen wir Gefahr, uns selbst zu eliminieren, von innovativen Mitspielern überlaufen zu werden, die möglicherweise mit fokussierten Angeboten den Markt beherrschen und die zunehmend engeren Spielräume der öffentlichen Hand nutzen werden?

Szenario 2: Veränderung, behutsam, aber spürbar!
Was brauchen wir wirklich? Nichts ist mehr selbstverständlich, alles steht zur Disposition. Überhaupt: In behaglicher Ruhe entsteht heutzutage keine Kultur mehr. Lautstärke ist gefordert, neue Konzepte müssen her, Ideen nicht nur diskutiert, sondern verwirklicht werden.

Wir brauchen Innovation
Das Szenario 2 wird bei rückläufiger Kulturförderung unumgänglich sein. Wir brauchen Innovation. Dabei gilt es, den Fokus auf kulturelle Bildung zu leben. Kulturveranstalter müssen sich öffnen, aktiver auf ihr Publikum zugehen, noch mehr Kunstvermittlungsangebote initiieren. Es wird in Hinkunft zu kurz greifen, ausschließlich standardisierte Konzertformate anzubieten. Wie erreichen wir Erwachsene? Benötigen wir partizipative Angebote für das Erwachsene? Wie können wir partizipative Projekte für Kinder und Jugendliche mehr Gewicht verleihen und in unseren Programmangeboten nachhaltiger verankern?

Das Grazer Spezifikum: Ein Modell mit Zukunft?
Auch in der Stadt Graz und im Land Steiermark wird 2011 heftigst gespart. Allerdings im Wissen, dass es vorab eine breite Evaluierung des Angebots geben soll, um zu entscheiden, wo in Folge die Einschnitte kommen. „Wir werden alles auf den Prüfstand stellen", bekräftigte der neue steirische Kulturlandesrat Dr. Christian Buchmann in einer ORF-Meldung vom 21.12.2010 [1]. So geht es aktuell den meisten Gemeinden in Österreich, ob das in Bludenz ist, wo das Kulturbudget 2011 um 10 Prozent gekürzt wurde [2], in der Kärntner Stadt Wolfsburg, wo Kulturvereine im November 2010 für das Kalenderjahr 2010 noch mit minus 50 Prozent bedacht wurden [3], oder in der Stadt Graz, wo das Kulturbudget um 2,8 Prozent reduziert wurde [4].
 
Wie kann diesem Prüfstand begegnet werden?
Die Grazer Spielstätten gehen aktiv auf Kooperationspartner zu. So beispielsweise auf die Jeunesse, die seit der Spielzeit 2010/11 das Musikvermittlungsangebot in Graz in einer Kooperation auf Augenhöhe anbietet. Durch diese Vernetzung lernen beide Organisationen voneinander und können eine tragfähige Verbindung schaffen, die neue Türen öffnet sowie Marketing- und Vertriebsressourcen freispielt, was mittel- bis langfristig Einnahmen zurück in die Kassen bringen wird. Essentiell allerdings ist der gegenseitige Respekt voreinander und die Bereitschaft, inhaltliches Wissen zu teilen, was wiederum dem Produkt Musikvermittlung nützt. Daraus entsteht zudem in einer Zeit, in der Kulturveranstalter immer stärker ihre Arbeit legitimieren müssen, ein praktischer Nebeneffekt: Wir können Steuergelder für Kulturförderungen effektiver und synergetischer einsetzen.
 
Schlussbemerkung
Durch Einsparungen im Kulturbereich, der bekanntlich in den Budgets meist 2 bis 3 Prozent des Gesamthaushalts einnimmt, kann man keinen Haushalt konsolidieren, aber vieles zerstören. Investitionen in vielfältigste Kulturangebote sind ein elementarer Beitrag zur allgemeinen Daseinsvorsorge. Das muss den politischen Entscheidungsträgern in vielen Gesprächen kommuniziert werden.

Kommentare, Fragen, Feedback an den Autor: christoph.thoma@spielstaetten.at

Vorankündigung: Der Februar-Blog von Christoph Thoma
„Die Veröffentlichung der Pisa-Studie zeigt einmal mehr, dass Österreichs Bildungspolitik in den letzten Jahren versagt hat“, war im Standard im Dezember 2010 zu lesen. In der Kleinen Zeitung stand als Headline: Österreich als Hochburg der Analphabeten [5]. Die PISA-Studie hat aufgezeigt, dass viele Jugendlichen im Alter von 15 und 16 Jahren nicht mehr Sinn erfassend lesen können. Was bedeutet das für das Angebot von Kulturveranstalter, im Wissen, dass wir mit einer heranwachsenden Gesellschaft konfrontiert sind, die relevanten Kulturtechnikern wie Lesen, Schreiben, Singen oder Tanzen nicht mehr mächtig sind?

[1]  siehe: http://steiermark.orf.at/stories/488602/
[2]  siehe: http://vorarlberg.orf.at/stories/488449/
[3]  siehe: http://www.kleinezeitung.at/nachrichten/kultur/2578815/stadt-spart-bei-kultur.story
[4]  siehe: http://steiermark.orf.at/stories/487984/
[5]  siehe: http://www.kleinezeitung.at/nachrichten/chronik/2585543/pisa-beim-lesen-nichts-neues.story