Februar

Der Februar-Blog von Christoph Thoma

PISA und dessen Relevanz für Kulturveranstalter


„Die Veröffentlichung der Pisa-Studie zeigt einmal mehr, dass Österreichs Bildungspolitik in den letzten Jahren versagt hat“, schrieb Rosa Winkler-Hermaden am 7. Dezember 2010 in der Tageszeitung „Der Standard“. Und die „Kleine Zeitung“ titelte: „Österreich als Hochburg der Analphabeten“ . Die PISA-Studie hat aufgezeigt, dass viele Jugendliche im Alter von 15 und 16 Jahren nicht mehr sinnerfassend lesen können. Was bedeutet das für das Angebot von Kulturveranstaltern? Wir sind zunehmend mit einer heranwachsenden Gesellschaft konfrontiert, die relevante Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben, Singen oder Tanzen nicht mehr beherrscht.


Was wird bei PISA getestet? PISA prüft Kompetenzen in Mathematik, Naturwissenschaften und Lesen. Gemessen werden laut OECD „Kenntnisse und Fähigkeiten, die für eine erfolgreiche Teilhabe an der Gesellschaft“ benötigt werden. Im aktuellen Test 2009 lag der Schwerpunkt, wie 2000 , im Bereich Lesen. Und wer wird getestet? 15- und 16-jährige SchülerInnen. In jedem Land müssen mindestens 4500 Schüler von mindestens 150 Schulen teilnehmen – maximal dürfen pro Schule 35 Schüler mitmachen, erklärt PISA Austria auf seiner Website.

Lese- und Sprachkompetenz sind das Um und Auf für ein erfülltes Leben. Können diese Kernkompetenzen nicht mehr uneingeschränkt vorausgesetzt werden, müssen auch Kulturveranstalter Konsequenzen in Bezug auf ihr Angebot ziehen. Allerdings wäre es ein fataler Irrtum zu glauben, dass Kulturprogramme Defizite wie zum Beispiel die Leseschwäche kompensieren könnten. Aber durch verstärkte Angebote kann man auf gesellschaftliche Entwicklungen reagieren und entsprechende Diskurse anbieten – auf schulischer Ebene, in der Freizeit oder in gezielten Kooperationen mit Jugendzentren oder Sozialeinrichtungen. Konkret können drei Schlüsse gezogen werden.

Das Schulkonzert stellt eine Bereicherung für den Schulunterricht dar. Es macht Sinn, vorausgesetzt, die LehrerInnen bereiten ihre SchülerInnen auf den Inhalt vor. Auch die Nachbereitung, das Aufarbeiten des Erlebten sollte in einem zukunftsorientierten Unterricht selbstverständlich sein.

Zusätzlich müssen Kulturveranstalter partizipative Angebote zu Verfügung stellen, die Schulkonzerte in Form von Vor- und Nachbereitung ergänzen und weiterführen. In der Partizipation steht das eigene Tun im Vordergrund. Workshop-Projekte sind mittlerweile im Vorfeld und in der Aufarbeitung ein Zeichen der Zeit. Wohl jeder Veranstalter, der dies liest und durchrechnet, wird im ersten Moment abwehrend reagieren; werden ihm damit doch neu entstehende Kosten aufgebürdet. Das stimmt auch. Aber jeder hat die Chance, dafür interne budgetäre Verschiebungen vorzunehmen.

Familienkonzerte wird es immer gehen. „Peter und der Wolf“ oder „Babar, der kleine Elefant“ sind in diesem Genre Klassiker, die jungen Menschen nicht vorenthalten werden dürfen. Trotzdem gilt es, inhaltlich auf eine veränderte Wahrnehmung zu reagieren: Neue Kunst, die Auseinandersetzung mit neuen Medien bis hin zu den Möglichkeiten von Live-Streaming gehören zum Standardvokabular dieser neuen Kommunikation mit dem jugendlichen Rezipienten. Denn das Tempo, das uns die Gesellschaft vorgibt, wird von jungen Menschen gesteuert. Darauf gilt es im Konzertformat zu reagieren – in Bezug auf die Länge, Phasen der Ruhe und die visuelle Wahrnehmung.

Veränderung braucht Nachhaltigkeit
Sowohl Schul- als auch Familienkonzerte dienen nicht zuletzt auch der Profilierung, um genügend Aufmerksamkeit bei Publikum, Medien und Sponsoren zu erzeugen. Dagegen spricht nichts. Trotzdem gilt es, den verengten Blick auf regionale Gegebenheiten zu erweitern und gezielte Offensivmaßnahmen für die Zukunft zu ergreifen. Nur so können Impulse gesetzt werden, die über ausformulierte Konzertformate hinausgehen und gemeinsame kreative Prozesse initiieren.

Hier schließt sich der Kreis: Die Vor- und Nachbereitung von Konzertformaten wird unumgänglich und kann ein Beitrag von Kulturveranstaltern sein, vor allem junge Menschen wieder verstärkt mit essentiellen Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben, Tanzen oder Singen zu konfrontieren.

Kommentare, Fragen, Feedback an den Autor: christoph.thoma@spielstaetten.at

Vorankündigung: Der März-Blog von Christoph Thoma
Integration ist erst im Miteinander lebbar. Die Grazer Spielstätten kooperieren mit  dem Jugendzentrum YAP, dessen Angebot vorwiegend von Jugendlichen mit Migrationshintergrund genutzt wird. Auf diese Weise entsteht ein partizipatives Kunstprojekt, ein Modell, wie Sozial- und Kultureinrichtung zusammenarbeiten und die vielfach geforderte kulturelle Bildung aktiv gelebt wird.